Geopark Waldeck-Frankenberg

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ErdGeschichte(n)

Serie der WLZ/FZ, Folge 1

Monster-Fische, geheimnisvolle Schleifspuren und eine Muschel namens „Posidonia“ – Stationen einer Zeitreise durch den Kellerwald

Von Norbert Panek

WALDECK-FRANKENBERG. Mit der Korbacher Spalte im Zentrum soll ein Geopark im Landkreis entstehen. Rund zwei Jahre schmorten die Pläne wieder in der Schublade, doch gibt es neue Impulse für das Projekt: Ähnlich wie in der Eifel sollen geologische Besonderheiten vernetzt und auch touristisch vermarktet werden. Dererlei Früchte der Erdgeschichte gibt es viele in Waldeck-Frankenberg. Herausragende Geotope – hier bei uns – zeigt unsere neue Serie. Folge 1 unserer „Erdgeschichten“ handelt von Monsterfischen, geheimnisvollen Schleifspuren und versteinerten Muscheln bei einer Zeitreise durch den Kellerwald.

Geplanter Geopark, der teils über die Grenzen Waldeck-Frankenbergs hinausreichen soll. Im Zentrum liegt die Korbacher Spalte als weltweit bedeutende Fossilienfundstätte.

Kartographie: Dr. M. Müllenhoff

Blickt man von der Sachsenhäuser Warte gen Süden, so fällt einem sofort die markante Berg-Silhouette der waldbedeckten „Ederhöhen“ ins Auge. Sie scheinen aus der flachwelligen Waldecker Buntsandsteintafel förmlich herauszuwachsen. Erhaben, fast majestätisch wirkt das Panorama des „Kellerwaldes“. Immerhin gilt er ja als kleiner Bruder des Rheinischen Schiefergebirges, dessen Entstehungsgeschichte vor mehr als 400 Millionen Jahren begann. Zeichen und Spuren dieser Geschichte sind noch heute allgegenwärtig und auf jeden Fall eine Entdeckungsreise wert.

Alles begann in einem Meer, auf dessen Grund über Jahrmillionen hinweg mächtige, kilometer-dicke Sedimentschichten abgelagert wurden. Die ältesten nachweisbaren Schichten stammen aus dem Erdzeitalter des Silurs und sind rund 425 Millionen Jahre alt. Von dem Königlichen Landesgeologen A.Denckmann, der gegen Ende des 19.Jahrhunderts die erste geologische Übersichtskarte des „Kellerwaldes“ schuf, wurden obersilurische Schichtreste in einem „Schurf“ am Steinhorn westlich des kleinen Ortes Schönau (Schwalm-Eder-Kreis) frei gegraben. Noch heute kann man diesen um 1900 angelegten Aufschluss im Gelände erkennen.

Kellerwald-AchatDer Kellerwald-Achat – rötliche Eisenerze aus dem Kellerwald werden gerne als Schmuckstein verarbeitet


Auch in der nachfolgenden Zeitepoche (Devon) blieb der „Kellerwald“ vom Meer bedeckt. Im Norden lag die Schelfküste des „Old-Red-Kontinents“ und im Süden das Festland der „Mitteldeutschen Schwelle“. Der Boden des dazwischen liegenden Tiefseebeckens wies zum Teil große Reliefunterschiede auf, die durch starke Erdkrustenbewegungen hervorgerufen wurden. Am Meeresgrund bildeten sich demzufolge kleinere Vulkanschwellen und Lavadecken aus Diabas. Eindrucksvoller Zeuge ist die mächtige Bilsteinklippe, - ein durch Erosion freigelegter Vulkanschlot am Rande des Wilde-Tales bei Reitzenhagen. Thermalquellen förderten Eisenlösungen an die Erdoberfläche und führten zur Bildung des rötlich gefärbten „Kellerwald-Achats“ (der heute gern als Schmuckstein verwendet wird) und zur Anreicherung von Roteisenstein, der in der „Haingrube“ am Nordwesthang des „Wüstegartens“ Jahrhunderte lang abgebaut wurde. Auf manchem unterseeischen Vulkanhügel siedelten ausgedehnte Korallenriffe.

In tropisch-warmen Gewässern tummelten sich urtümliche Fisch-Monster. Sie zählten zu einer neuen Gruppe von Fischen, die einen außerordentlichen Fortschritt in der Wirbeltierentwicklung markieren, denn sie hatten erstmalig Kiefer mit primitiven Zähnen im Maul, das weit aufklappbar war. Ihre großen Augen, eine Anpassung an tiefere, lichtarme Wasserzonen, wirkten gespenstisch. Ihre Körper waren mit einem Panzer aus Knochenplatten überzogen. Diese Panzerfische (Placodermi) erreichten den Höhepunkt ihrer Entwicklung im Oberdevon.

Panzerfisch

Schädel und vorderer Rumpf des Panzerfisches Pholdisteus friedelti aus dem Oberdevon bei Bad Wildungen.


Fische im Steinbruch

Just im Kellerwald, in der Nähe von Braunau, liegt eine der bedeutendsten Fundstellen fossiler Fischreste. Ein paar Jahrzehnte lang galt der Steinbruch „Schmidt“ als Mekka der Wirbeltier-Paläontologen. Wildungens „Fischfauna“ gehörte mit rund 50 nachgewiesenen Arten immerhin zu den reichsten der Welt und wurde mit den berühmten Fundplätzen von Solnhofen und „Monte Bolca“ in einem Atemzug genannt! Der Glanz früherer Zeiten ist heute längst verflogen. An der Abbaustelle wird schon seit Jahrzehnten kein Kalkstein mehr gebrochen. Gelegentlich kommen noch Studenten und Professoren, um den mit Sträuchern zugewachsenen Fundort zu besichtigen. Ihr Interesse gilt hauptsächlich den beiden schwärzlich gefärbten Gesteinshorizonten, die in der Steinbruchwand auch heute noch gut zu erkennen sind. Die Horizonte sind sehr fossilreich und kennzeichnen ein weltweites Massensterben von Meerestieren, die vor rund 370 Millionen Jahren vermutlich an Sauerstoffmangel zugrunde gegangen sind. Experten sprechen von der so genannten „Kellwasser“-Krise, die zum weltweiten Aussterben vieler Arten führte.

Schachtelhalm und Muscheln
Gegen Ende des Devons entstanden auf dem Festland die ersten Wälder aus baumförmigen Schachtelhalmen, Bärlapp- und Farngewächsen, die im Verlauf des nachfolgenden Karbons, - der so genannten „Steinkohlezeit“, den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichten. Auch in dieser Zeitphase war der „Kellerwald“ noch vom Meer bedeckt. Die tonigen und sandigen Ablagerungen des Unterkarbons, aus denen die heutigen Tonschiefer und Grauwacken entstanden, sind relativ fossilarm. Allein die Poseidonmuschel Posidonia becheri (benannt nach einem griechischen Meeresgott) tritt an manchen Stellen gehäuft in Erscheinung, so z.B. in einem Steinbruch am Westrand des Nationalparks „Kellerwald-Edersee“. Ihre markanten Schalenabdrücke sind für den Laien leicht zu erkennen.

PoseidonmuschelAbdruck einer Poseidon-Muschel – ein Leitfossil im Tonschiefer des Unterkarbons. Das Alter liegt bei etwa 325 Mio. Jahren. Fossile Abdrücke der Posidonia becheri finden sich beispielsweise auch im Gestein des Eisenbergs bei Korbach

Foto: Dr. S. Bökenschmidt


Noch seltener sind Pflanzenreste aus den Steinkohle-Wäldern zu finden. Merkwürdige, rätselhafte Spuren, die unbekannte Lebewesen jener Zeit im „Kellerwald“ hinterlassen haben, kann man an einer Steinbruchwand bei Frebershausen am Rand des Wesebachtales entdecken. Dort sind auf der Unterseite einer überkippten Grauwackenbank auffällig lange rinnen- und streifenförmige Schleifmarken zu erkennen. Der Korbacher Landesgeologe Jens Kulick (†) fand heraus, dass diese Spuren durch am Meeresboden treibende Pflanzenteile verursacht wurden. Manche dieser Schleifspuren sind mehr als 15 Meter lang; an deren Enden befinden sich flachgedrückte Ballen aus Pflanzenstängeln, die allerdings nur schlecht zu identifizieren sind. Kulick fand u.a. das Rindenstück eines Schuppenbaumes (Lepidodendron spec.). Die Flora der Steinkohle-Wälder bestand hauptsächlich aus Schuppen- und Siegelbäumen, die bis zu 30 Meter mächtig werden konnten!  Daneben kamen auch baumförmige Verwandte der heutigen Schachtelhalmgewächse und die ersten Urahnen unserer Nadelgehölze vor. Wie konnten diese Landpflanzen ins Meer gelangen? Wie weit lag die Küste von dem Ablagerungsgebiet entfernt?

SchachtelhalmStengelreste eines fossilen Schachtelhalmgewächses aus dem Steinbruch bei Frebershausen

Foto: N. Panek


Bereits im ausklingenden Unterkarbon wurde in das Meeresbecken, in dem der heutige „Kellerwald“ lag, von Süden her zunehmend gröberer Abtragungsschutt der „Mitteldeutschen Schwelle“ transportiert. Ein Indiz für die Nähe des Festlandes! Gleichzeitig wurde der gesamte Meerestrog von tektonischen Bewegungen erfasst und immer stärker eingeengt. Ursache waren seitliche, auf die Erdkruste einwirkende Schubkräfte, die durch das langsame Annähern zweier Kontinentplatten ausgelöst wurden. Die einige tausend Meter mächtigen Sedimentschichten am Meeresboden wurden dadurch mit Urgewalt geschoben, zerrissen, gestaucht, gefaltet und „geschuppt“ – bis schließlich ein hoch aufragendes Gebirge entstand – die eigentliche Geburtsstunde des Kellerwaldes und des angrenzenden Hochsauerlandes!


Geo-Tipps (Sehenswürdigkeiten, Ausflugsziele, Literatur)

  • Geo-Foyer in Nieder-Werbe (multimediale Ausstellung; „Geofenster“ präsentieren die Erdgeschichte des Kellerwaldes im Überblick); geöffnet: täglich 9.00-18.00 Uhr
  • Steinbruch „Bergfreiheiter Welle“ (Gebirgsfaltung) und Besucherbergwerk mit Rundwanderpfad in Bad Wildungen-Bergfreiheit
  • Geologischer Aufschluss „Koppe“ mit Infotafel in Bad Wildungen-Odershausen
  • Hessisches Braunkohle-Bergbaumuseum in Borken
  • Aussichtspunkt „Bilsteinklippe“ bei Bad Wildungen-Reitzenhagen
  • Broschüre „Steinreicher Kellerwald“ (Bezug: Naturpark Kellerwald-Edersee)
  • Broschüre „Hochseefische aus dem Kellwasserkalk von Bad Wildungen“. Paläontologische Denkmäler in Hessen, Heft 9 (Bezug: Landesamt für Denkmalpflege Hessen)

Weitere Informationen auf der Unterseite des Geopark-Zentrums Natur- und Nationalpark Kellerwald.