Geopark Waldeck-Frankenberg

Zum Seiteninhalt Zur Navigation


Erdgeschichten(n)

Folge 10:

Ein Hauch von Abenteuer -
Im Kriechgang durch die größte Karsthöhle in Waldeck-Frankenberg 

Von Norbert Panek

Höhlen haben die Menschen schon immer magisch angezogen. In grauer Vorzeit dienten sie als Behausung und Schutz vor den Wettereinflüssen während der Eiszeit. In Waldeck-Frankenberg hat der „Hessische Landesverband für Höhlen- und Karstforschung“ insgesamt  56 Höhlen entdeckt und penibel kartiert. Im Geopark sind außerhalb des Landkreises noch weitere Karsthöhlen bekannt, zum Beispiel die „Rösenbecker Höhle“ im Briloner Massenkalk, die „Drakenhöhle“ bei Obermarsberg oder die „Wichtellöcher“ bei Wabern-Uttershausen.    

Besonders der „weiche“ Kalkstein im Raum Korbach, der sich vor 250 Millionen Jahren aus den Sedimenten des „Zechsteinmeeres“ gebildet hat, birgt zahlreiche Spalten und Klüfte, die durch fortwährende chemische Auflösungsprozesse („Kohlensäure-Verwitterung“) entstehen und sich zu ausgedehnten Hohlraumsystemen ausweiten können. Eine solche natürlich entstandene Karsthöhle befindet sich bei Vöhl-Dorfitter und misst eine Länge von 132 Meter. Sie gilt als zweitgrößte, begehbare Höhle Nordhessens und ist als „Lebensraum“ nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt. Zahlreiche spezialisierte, an die Finsternis angepasste Tierarten, wie zum Beispiel eine seltene Spinnen-Art, leben darin und Fledermäuse beziehen dort ihr Winterquartier.

Vergebliche Erzsuche

Stefan Zaenker vom Landesverband für Höhlen- und Karstforschung hat in der Höhle schon seit einigen Jahren Untersuchungen angestellt, aber bisher haben sich nur wenige Menschen in das enge unterirdische Gangsystem hineingetraut. Eine Besonderheit ist, dass die Höhle nur  über einen im Kuhbachtal ausmündenden Bergwerksstollen erreicht werden kann. Nach Recherchen des ehemaligen Landesgeologen Jens Kulick wurde zuletzt 1916 hier nach Kupfererzen gegraben, doch der Vortrieb des Stollens wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt, da die Erzsuche erfolglos blieb. Die Suchstrecke mit einer Gesamtlänge von knapp 300 Metern schneidet im hinteren Teil die Karsthöhle an.        
Zaenker lud kürzlich zu einem Gang durch die Höhle ein, den ich mir nicht entgehen lassen wollte. Wann bekommt man schon das Angebot, an einer Expedition teilnehmen zu dürfen, die zu einem noch weitgehend „unerforschten“ Objekt führt? Wo findet man solche „weißen Flecke“ überhaupt noch in unserer zersiedelten, mitteleuropäischen Zivilisationslandschaft?

Ein Hauch von Abenteuer lockte natürlich auch und bestens ausgerüstet mit strapazierfähiger Kleidung, Taschenlampen und Schutzhelmen betraten wir den Eingang ins Reich der Finsternis. Wer glaubt, in dieser Höhle den „aufrechten Gang“ üben zu können, ist schief gewickelt. Die meiste Zeit bewegt man sich in gekrümmter Körperhaltung, an einigen Stellen auf allen Vieren rutschend, durch den etwa ein Meter breiten und kaum 1,20 Meter hohen Bergwerksstollen. Die Seitenwände werden durch kleine Trockenmauern abgestützt. –Was für ein Aufwand, die Steine hierher zuschleppen und aufzuschichten! Man bekommt eine leise Ahnung davon, wie mühsam die Arbeit im Bergwerk früher gewesen sein muss.
Dalwigker Höhle

„Platt“ wie ein Plattwurm

Stefan Zaenker leuchtet mit seiner Helmlampe immer wieder akribisch kleine Pfützen am Boden ab, wo sich meist in geringer Zahl kleine Mücken, kaum sichtbare Milben und Springschwänze tummeln. Einige „Belegexemplare“ zur Nachbestimmung landen mit Hilfe einer Pipette im Probenglas. Zaenker hat bereits über 60 Insektenarten in der Höhle entdeckt.
Echte Höhlentiere haben zurückgebildete Sehorgane oder die Augen fehlen ganz, wie etwa bei einem Plattwurm, den Zaenker gerade aus einer trüben Wasserlache fischt.
Nach gut 100 Metern erreichen wir den Zugang zu der Naturhöhle. Ich fühle mich buchstäblich platt wie dieser Plattwurm. Während meine im Schnitt gut 20 Jahre jüngeren Expeditionsbegleiter noch „wie aus dem Ei gepellt“ aussehen, zeichnen sich bei mir erste Verschleißerscheinungen ab. Die Tour ist doch anstrengender als ich gedacht habe. Mit total  verdreckten Klamotten,  keuchend und schweißgebadet, lasse ich mich zu Boden fallen. Erstmal durchschnaufen!

Zeltartiges Gewölbe

Weiter geht’s zunächst wieder im Kriechgang, doch schon nach wenigen Metern öffnet sich der niedrige Stollen nach oben und wir stehen in einem hohen, „zeltartigen“ Gewölbe. An dessen Wänden hat Kalk lösendes Wasser wohl über viele Jahrtausende hinweg markante „Fließ“-Strukturen hinterlassen. Am Ende des Gewölbes öffnet sich eine weitere, bis jetzt noch unerforschte, für dicke Menschen kaum passierbare Nebenhöhle. Sie ist vermutlich Teil eines weit verzweigten, unterirdischen Bachsystems, das möglicherweise den gesamten Berg unterminiert. Ein spürbarer, leichter Luftzug lässt darauf schließen, dass der Gang irgendwo in etlichen Spalten an der Erdoberfläche ausmündet. Ebenso ist anzunehmen, dass das ganze Höhlen- und Stollensystem bei andauerndem Starkregen bis zur Firste unter Wasser steht – was für ein Glück, dass wir gerade stabiles Hochdruckwetter haben!
Wir kriechen wieder zurück und dann in den östlichen, wesentlich längeren Abschnitt der Höhle, der durch ein teilweise „extrem“ enges Gangsystem führt. Für mich ist hier Endstation. Meine Kräfte lassen nach, ich muss eine Pause machen, während Stefan Zaenker und die anderen Expeditionsteilnehmer weiter in das Höhleninnere vorstoßen. Deren Stimmen klingen mit zunehmender Entfernung immer dumpfer und leiser. Als diese kaum noch zu hören sind, mache ich für einige Minuten meine Lampe aus und lausche. Mich beschleicht ein merkwürdiges Gefühl. Still und stockdunkel ruht der Berg, nur das Geräusch eines Wassertropfens ist noch wahrnehmbar.
Dann bin ich froh, dass die Stimmen meiner zurückkehrenden Begleiter wieder lauter werden. Gemeinsam erwartet uns nun noch der beschwerliche Rückweg zum Höhlenausgang. Nach anderthalb Stunden entsteige ich, reichlich „zerfleddert“ und abgekämpft, wieder dem Mundloch – mit dem Gefühl eines „Neugeborenen“, der gerade das Licht dieser Welt zum zweiten Mal erblicken darf.

                     

Geotipps

Infos zum Thema „Höhlen“ sind auf folgenden Internetseiten zu finden: