Geopark Waldeck-Frankenberg

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ErdGeschichte(n)

Folge 2:

Grenzgänger zwischen Land und Meer -
Spurensuche auf dem „Zechsteinpfad“ zwischen Korbach und Frankenberg

Von Norbert Panek

Die See rollt unablässig im Rhythmus des Wellenschlages und treibt eine frische Brise landeinwärts. Es herrscht tropisches Wüstenklima. Über der rötlich gefärbten Küstenebene flimmert die Luft. Dackelgroße Reptilien wuseln durch den nahe gelegenen, Schatten spendenden Hain aus Nadel- und Gingkobäumen. Platthaie streifen durch die tiefblaue Lagune – Traumbild einer fernen Südsee-Idylle.

Vor rund 250 Millionen Jahren, im Oberperm (Zechstein), lag dieses „Paradies“ direkt vor unserer Haustür. Zu diesem Zeitpunkt stieß nämlich weit von Norden her ein Meeresarm vor, der den gesamten norddeutschen Raum mehrmals überflutete und in einer schmalen Bucht über die „Hessische Senke“ bis nach Süddeutschland vordrang. Das Gebiet des heutigen Landkreises Waldeck-Frankenberg lag damals an der westlichen Küstenlinie dieser Bucht.

Die Überflutung erfolgte zu Beginn recht langsam; die Landoberfläche wurde kaum erodiert. Die Wassertiefe betrug in Ufernähe nicht mehr als 10 bis 15 Meter. Der erste Ablagerungshorizont bildete sich aus Kalkschlamm, der massenhaft zusammen geschwemmte Reste von Kalkschalen des Armfüßers Horridonia horrida enthielt („Productus“-Kalk). Der östliche Rand des „Rheinischen Schiefergebirges“ markierte in Nord-Süd-Richtung die Küste des Zechstein-Meeres. Unmittelbar vor dieser Küste ragte das Kellerwaldgebirge zeitweilig als Insel heraus.

Korbacher Bucht

Blick von den Marbeck-Hängen auf die Korbacher Bucht. Der Eisenberg im Hintergrund ragte zur Permzeit als Insel aus dem Meer.

Foto: Dr. M. Müllenhoff

Ur-Ahnen der Säugetiere
Turbulent ging es zu in jener Zeit. Im Oberperm traten die ersten Ur-Urahnen der heutigen Säugetiere auf. Mit der Flugechse Weigeltisaurus erschien das älteste bis jetzt bekannte, passiv fliegende Wirbeltier der Welt. In der Pflanzenwelt lösten die ersten Nadelgehölze die Bärlapp- und Schachtelhalm-Wälder der vorangegangenen Steinkohlezeit ab. Und am Ende der Permzeit ereignete sich das größte Massensterben der Erdgeschichte. Nach einschlägigen Berechnungen verschwanden etwa 77 bis 96 % der vorhandenen meeresbewohnenden Tierarten. Wenn diese Schätzungen auch nur einigermaßen stimmen, dann entkam das Leben auf der Erde damals gerade noch knapp seiner totalen Vernichtung!

Der Kreis Waldeck-Frankenberg (Geopark) beherbergt zwei europaweit bedeutende Fossilienfundstätten der Oberpermzeit, in denen die damalige Tier- und Pflanzenwelt in Gestalt fossiler Reste von Reptilien und urtümlichen Nadelgehölzen wieder „zum Leben“ erweckt wird: Die Grube Bötzel bei Frankenberg-Rodenbach und die Korbacher Spalte.

Fossile Pflanzen aus Rodenbach
Bei Rodenbach (Frankenberg) befand sind damals eine kleine, flache Bucht, in die massenhaft Pflanzenreste, sogar Baumstämme und Äste vom Festland her eingeschwemmt wurden. Wahrscheinlich mündete hier ein Fluss, der sich mit seinem Delta weit in das Flachmeer hineinschob. Jedenfalls bezeugen die Pflanzenreste, dass sich der Ablagerungsraum in unmittelbarer Landnähe befand.

Die Pflanzenwelt wurde hauptsächlich von Nadelgehölzen, von frühen Vorfahren der heutigen Gingkobäume und einigen Farnsamern dominiert. In der Nähe der Zechstein-Küste muss es zumindest lokal schüttere, waldartige Bestände aus maximal 10 Meter hohen Nadelbäumen gegeben haben. Funde von fossiler Holzkohle bezeugen, dass diese Wälder gelegentlich von vermutlich durch Blitzschlag ausgelösten „Buschbränden“ heimgesucht wurden. Häufig kamen die Koniferen-Gattungen Ullmannia und Pseudovoltzia vor. Eine der vorgefundenen Arten wurde erstmalig in Frankenberg beschrieben und erhielt in Fachkreisen die Bezeichnung „Frankenberger Kornähre“.

kornähreZweigrest eines permzeitlichen Nadelgehölzes aus dem Steinbruch bei Rodenbach.

Foto: N. Panek


Im Frankenberger Raum sind es eher tonige und sandige Ablagerungen, die beim ersten Vorstoß des Zechstein-Meeres abgesetzt wurden. Bei Korbach hingegen bilden den Hauptteil der Sedimente so genannten Stink- und Randkalke. Die „Stinkkalke“ (der Name bezieht sich auf sauerstoffarmen, „stinkenden“ Faulschlamm) enthalten dünne, kupferhaltige Schichten, den „Kupfermergel“, der bei Dorfitter und Thalitter sowie bei Geismar (Frankenberg) zum größten Teil im Untertagebau abgegraben wurde. Alte Stollen, Pingen und Zechenhäuser sind Zeugnisse des einstigen Bergbaues, der allerdings bereits gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zu Ende ging. Die Bezeichnung des Erdzeitalters „Zechstein“ geht im übrigen auf die Bergbautätigkeiten im Kupferschiefer zurück.

Platthaie und Armfüßer
Riffe im flachen Küstengewässer boten Lebensraum für hai-ähnliche Knorpelfische und Knochenfische. Wenigstens vier Arten wurden im Korbacher Raum nachgewiesen, u.a. der berühmte „Kupferschiefer-Hering“ Palaeoniscum freieslebeni sowie der rochen-ähnliche Platthai Janassa bituminosa, der mit seinem hoch spezialisierten Gebiss am Boden festsitzende Nahrungstiere (Seelilien, Armfüßer) abbeißen und zermalmen konnte. „Exotisch“ mutete das Aussehen des dominanten Armfüßers Horridonia an, dessen Organismus durch ein muschel-ähnliches Kalkgehäuse geschützt wurde, das mit langen Dornen besetzt war. 

HorridoniaÄhnelt einer Muschel: Horridonia horrida

Foto: N. Panek


Am Südrand der Kreisstadt Korbach befindet sich in der „Korbacher Spalte“ eine der weltweit seltenen Fossillagerstätten permzeitlicher Wirbeltiere. Die große wissenschaftliche Bedeutung der Fundstelle konnte in den letzten 15 Jahren durch Grabungen belegt werden und leitet sich vor allem aus den nachgewiesenen Vorkommen von weltweit sehr seltenen, säugetierähnlichen Reptilien ab. Diese stehen am Anfang der Evolutionsgeschichte der Säugetiere (und damit auch des Menschen!) und bilden stammesgeschichtlich eine Verbindung zwischen den Reptilien der Permzeit und den gegen Ende der Trias erstmalig auftretenden Säugetieren.

Zechsteinpfad
Logo ZechsteinpfadWas liegt näher, als die beiden bedeutenden Fossilienfundstätten bei Korbach und Rodenbach durch eine attraktive Wanderstrecke zu verbinden. Auf einem „Zechsteinpfad“ könnte der Besucher den Spuren der Erdgeschichte folgen, über den ehemaligen Meeresboden und entlang der Küste des einstigen Zechstein-Meeres wandeln, in alten Steinbrüchen nach fossilen Muscheln und Pflanzenresten graben. Motto: Die Landschaft neu entdecken, auf einem Grenzgang zwischen Meer und Land!


Geo-Tipps


  • Wolfgang-Bonhage-MUSEUM KORBACH (Öffnungszeiten: Di bis So 11 – 16.30 Uhr) und Fossilienfundstätte „Korbacher Spalte“ (permzeitliche Reptilien) – Infos über Führungen beim Bürgerbüro (Tel. 05631-53232), www.korbacher-spalte.de
  • Georg-Viktor-Aussichtsturm auf dem „Eisenberg“ bei Goldhausen, Besucherbergwerk und Rundwanderweg „Goldspur“.
  • Frau-Holle-Felsen (Riff-Fazies) im Waldstück „Gebranntes Holz“ östlich von Nieder-Ense.
  • Ehemalige Halden des Kupferbergbaues („Pingen“) bei Thalitter (Vöhl) und Geismar (Frankenberg).
  • Kreisheimatmuseum in Frankenberg (Öffnungszeiten: Di und Fr 10 – 12 Uhr, Mi 15 – 17 Uhr, So 13 – 17 Uhr).
  • Ehemaliger Steinbruch „Grube Bötzel“ an der Straße nach Rodenbach (permzeitliche Pflanzenfossilien).

Weitere Informationen auf den Unterseiten der Geopark-Zentren Korbach-Ittertal und Ederbergland.