Geopark Waldeck-Frankenberg

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ErdGeschichte(n)

Folge 5

Die geheimnisvolle Geschichte unserer Rotbuche

Von Norbert Panek

Kaum eine andere Baumart prägte die Geschichte unserer Wälder in Mitteleuropa so stark und nachhaltig wie die Rotbuche (lateinisch: Fagus sylvatica). Man kann es sich kaum vorstellen: Einst waren zwei Drittel der Landfläche Deutschlands von Buchen- und Buchenmischwäldern bedeckt! Im Bereich des Geoparks, vor allem im Kellerwald spielen sie noch heute eine vorherrschende Rolle. Im dortigen Nationalpark darf die Rotbuche wieder ihre wahre natürliche Schönheit entfalten.

Der wissenschaftliche Name der Rotbuche leitet sich aus dem griechischen Wort „phagein“ ab, was „essen“ oder „ernähren“ bedeutet und sich vor allem auf die essbaren Nüsse der Buche beziehen dürfte. Das deutsche Wort „Buche“ geht auf die alte germanische Bezeichnung „bokon“ zurück. Allein über 1.500 deutsche Ortsnamen (z. B. Buchenberg, Bochum, Bocholt) weisen auf die früher weit verbreitete Baumart hin.

Die Rotbuche zählt wie z. B. die Esskastanie oder die heimische Traubeneiche botanisch zu den so genannten Buchengewächsen (lateinisch: Fagaceae). Zu diesen gehört auch die nur in Südamerika, Australien und Neuseeland vorkommende Südbuche Nothofagus, die sehr eng mit den heute nur auf der Nordhalbkugel verbreiteten Buchen (Gattung Fagus) verwandt ist.

Entwicklungslinien reichen weit zurück
Die Entwicklungslinien all dieser Laub tragenden Gehölze reichen sehr weit in die Erdgeschichte zurück, vermutlich sogar in die Zeit der ersten Blütenpflanzen (Bedecktsamer), die im Erdmittelalter auf der ganzen Erde erschienen sind. Die ersten fossilen Nachweise bedecktsamiger Pflanzen stammen aus der frühen Kreidezeit und sind rund 130 Millionen Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt lagen alle Kontinente eng beieinander, hingen teilweise noch zusammen. Südamerika und Afrika bildeten den Kontinent „Gondwana“. Eine weitere, geschlossene Landmasse namens „Laurasia“ bestand aus den heute getrennten Kontinentalplatten von Nordamerika und Eurasien.

KontinentalverschiebungVor rund 135 Millionen Jahren waren Südamerika und Afrika sowie Nordamerika und Eurasien noch in zwei großen Kontinentplatten vereinigt (Gondwana und Laurasia). Im Verlauf der Kreidezeit trennten sich diese Landmassen allmählich und drifteten in ihre heutige Position.


Eine These geht davon aus, dass in dieser Zeitphase auf „Gondwana“ die Stammform aller Buchengewächse entstand. Durch die fortschreitende Kontinentalverschiebung und die damit verbundenen Klimaveränderungen wurde das zunächst zusammenhängende Ursprungsgebiet der „Buchen-Familie“ im Laufe der Jahrmillionen schließlich auseinander gerissen. Rest-Areale blieben auf den neu entstandenen Landmassen erhalten. So erklärt sich die eingeschränkte, isolierte Verbreitung der Südbuche auf der südlichen Erdhälfte. Frühe Vorfahren der Gattung Fagus dehnten sich hingegen über den Äquator hinweg nach Norden aus und besiedelten den asiatischen und nordamerikanischen Kontinent. Vermutlich im ostasiatischen Bereich oder im pazifisch beeinflussten Nordwestamerika lag auch das genetische Zentrum aller Fagus-Arten. In Ostasien und Japan kommen noch heute weltweit die meisten Buchen-Arten vor (11 von insgesamt nur 13 „modernen“ Arten!). Die ersten fossilen, wirklich gesicherten Nachweise von Buchen aus dieser Region stammen aus dem frühen Tertiär. Rund 45 Millionen Jahre alte Funde von Fruchtkapseln und Blättern aus British Columbia zeigen bereits alle charakteristischen Merkmale der heutigen Fagus-Gattung.       

32 Millionen Jahre alten Pollen
Im Laufe des Tertiärs breiteten sich einige Buchen-Vertreter von ihrem nordpazifisch-ostasiatischen Stammgebiet nach Osten (Nordamerika) und Westen (Europa) aus. In Nordamerika erreichten die Vorfahren der heutigen Nordamerikanischen Buche (Fagus grandifolia) die Ostküste und Teile Mexikos. Der erste fossile Beweis für die Ankunft von Fagus in Europa gelang durch ca. 32 Millionen Jahre alte Pollen, die in Cospuden (Leipziger Bucht) gefunden wurden. Als älteste Buchen-Art, die in Mitteleuropa nachgewiesen wurde, gilt Fagus castaneifolia, die Kastanienblättrige Buche. Ihre Blätter entdeckte man in einem Braunkohlen-Tagebau bei Bockwitz-Borna (Sachsen).

BuchenblattBlattfossil der ältesten in Europa nachgewiesenen Buchen-Art Fagus castaneifolia (Fundort: Bockwitz-Borna/Ober-Oligozän).

Foto: N. Panek


Zum Zeitpunkt der ersten Buchen-Ankunft fanden in Europa gravierende Veränderungen statt, die die Vegetationsentwicklung maßgeblich beeinflussten. Bis zum Ende des Alttertiärs (vor ca. 30 Millionen Jahren) herrschten noch tropisch-warme Klimaverhältnisse vor. Im weiteren Verlauf kühlte sich das Klima ab und es entwickelten sich zunächst subtropisch-warmgemäßigte Mischwälder aus sowohl immergrünen als auch sommergrünen Gehölzen, die irgendwann schließlich fast ganz von laubwerfenden Baumarten „arkto-tertiärer“ Herkunft abgelöst wurden. Viele dieser neu erscheinenden Gehölz-Vertreter, die zuvor in den heutigen Polargebieten, z. B. in Grönland, verbreitet waren, bilden den Grundstock der gegenwärtigen, gemäßigt temperierten Falllaubwälder im östlichen Nordamerika, in Ostasien und in Europa. Einige immergrüne „Exoten“ wie Buchsbaum, Efeu oder Stechpalme (Ilex) haben in diesen Wäldern sogar als tertiäre „subtropische“ Relikte überlebt.

Rätselhafte Süntelbuche
Am Ende des Tertiärs (Pliozän) war die Buche bereits fester Bestandteil der damaligen Laubwaldflora, wie fossile Funde aus dem Westharz bei Willershausen (Niedersachsen) zeigen. Das nachfolgende Eiszeitalter mit drastisch sinkenden Temperaturen und einer Eiskappe, deren südlicher Rand sich in mehreren Etappen bis fast an die Nordgrenze unseres Landkreises heran schob, löschte die Waldflora in weiten Teilen Europas zeitweilig komplett aus. In den Warmzeiten zwischen den einzelnen Kälte-Etappen konnten die Gehölze aber immer wieder „zurückwandern“. In der vorletzten Warmzeit vor rund 300.000 Jahren trat erstmalig wieder eine Buchen-Art in Mitteleuropa in Erscheinung - unsere heutige Rotbuche Fagus sylvatica. Wie neuere Untersuchungen zeigen, handelt es sich vermutlich um eine vollkommen „neue“, von Südosten eingewanderte Buchen-Art, deren Herkunft noch unklar ist. Ihr eiszeitliches „Überwinterungsquartier“ lag zum überwiegenden Teil  im Balkangebirge und möglicherweise noch weiter östlich im nördlichen Vorderasien, wo sie zeitweilig mit der dort vorkommenden Orient-Buche zusammenlebte. Diese gilt heute als Unterart unserer heimischen Rotbuche. Rätsel gibt auch eine besondere Variante der heutigen Rotbuche auf: Die so genannte „Süntelbuche“. Deren bizarrer, krüppeliger Wuchs ist möglicherweise eine kältebedingte Kümmerform, die während der Kaltzeitphasen entstand.

Süntelbuche„Süntelbuche“ bei Odershausen im Kellerwald: der gedrungene, krüppelige Wuchs dieser Rotbuchen-Varietät wird heute als extreme Kümmerform gedeutet, die sich während der Kaltphasen des Eiszeitalters herausbildete.

Foto: N. Panek


Nach der letzten Vereisungsphase und dem Beginn der gegenwärtigen Warmzeit schafften nur noch relativ wenige Baumarten den „Sprung“ nach Mitteleuropa. Die Rotbuche kam erst sehr spät zurück. Allerdings belegen aktuelle pollenanalytische Studien, dass die Buche einige Bereiche des Rothaargebirges infolge einer sehr früh ausgelösten „Einwanderungswelle“ bereits vor rund 7.000 Jahren erreichte. Besonders im Quellgebiet der Eder soll ein früher ehemaliger Ausbreitungskern der Rotbuche gelegen haben. Von dort aus wanderte die Baumart dann sehr viel später in benachbarte Bergregionen ein. Möglicherweise haben auch schon menschliche Einflüsse diese Ausbreitung gefördert.  
   
In den folgenden „historischen“ Zeitabschnitten hatte die Buche aber einen schlechten Stand. Im Zuge der teilweise im großen Stil praktizierten Metallgewinnung war verkohltes Buchenholz als Energieträger sehr begehrt und die Buchenwälder schrumpften dabei drastisch. Nur noch 7 % der Buchenbestände, die Deutschland ursprünglich bedeckten, sind heute übrig geblieben. Weltweit betrachtet, gibt es nur in Europa solche Wälder mit der alles beherrschenden Rotbuche. Regionen wie der Kellerwald beherbergen daher ein einzigartiges Naturerbe!


Geo-Tipps


  • Nationalparkzentrum Kellerwald an der B 252 bei Kirchlotheim; Öffnungszeiten von April bis Oktober täglich von 9 – 18 Uhr; von November bis März: 10 – 17 Uhr (www.nationalparkzentrum-kellerwald.de).
  • Urwaldsteig Edersee: Die 68 km lange Wanderroute verbindet alle naturnahen Wälder und Urwaldrelikte im Umfeld des Edersees inklusive des Nationalparks mit seinen ausgedehnten Buchenwäldern (www.urwaldsteig-edersee.de).
  • Die „Süntelbuchen“ südlich der Jägersburg erreicht man vom Dorf Odershausen aus über die markierte Wanderroute „Kellerwaldsteig“ (Gehzeit: ca. ½ Stunde).
  • Literatur: Delpho, M. & Lübcke, W. (2006): Im Reich der urigen Buchen, cognitio Verlag, Niedenstein