Geopark Waldeck-Frankenberg

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ErdGeschichte(n)

Folge 6

Auf den Spuren der Eiszeit

Von Dr. Marc Müllenhoff

In der jüngeren erdgeschichtlichen Vergangenheit wurde das Landschaftsbild Mitteleuropas v.a. durch die Eiszeiten geprägt. Unübersehbar sind die Spuren, welche die Vergletscherung größerer Gebirge wie z.B. der Alpen oder auch die großen Inlandseismassen Nordeuropas hinterlassen haben. Aus Skandinavien oder dem Baltikum wurden mehrfach große Gesteinsbrocken („Findlinge“) mit dem Eis bis nach Norddeutschland gebracht, Endmoränen bei Düsseldorf zeugen von der maximalen südwärtigen Ausdehnung der Gletscher.

Die Eisausdehnung in Deutschland während der letzten drei GlazialeAbb. 1:
Die maximalen Eisvorstöße der letzten drei Eiszeiten  (blau: Elster-, gelb: Saale-, violett: Weichsel-Eiszeit) bedeckten große Teile Norddeutschlands und des Alpenvorlandes.

Quelle: Hansch (2000), verändert


Den Naturforschern des 17. und 18. Jahrhunderts sind unter anderem die Findlinge als Besonderheit in der Landschaft aufgefallen. Viele Erklärungen mussten für ihren augenscheinlichen Transport aus weit entfernten Gebieten herhalten – besonders verbreitet war ihre Deutung als Ergebnis der biblischen Sintflut. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass es Gletscher waren, welche die Findlinge aus Skandinavien bis nach Norddeutschland mitgebracht hatten.

Was ist eine Eiszeit?

In der 4,5 Milliarden Jahre langen Geschichte unserer Erde gab es mindestens fünf verschiedene Eiszeitalter, also längere erdgeschichtliche Perioden, in denen größere Teile der Erdoberfläche vergletschert waren. Eines dieser Eiszeitalter ist das Quartär, das die letzten 1,7 Mio. Jahre der Erdgeschichte umfasst. Bereits gegen Ende des vorangehenden Erdzeitalters Tertiär zeigte sich auf der Erde eine von deutlichen Schwankungen begleitete Temperaturabnahme. Unter anderem aufgrund dieser Abkühlung beginnt die Antarktis vor etwa 35 Mio. Jahren zu vereisen, Grönlands Eispanzer existiert seit ca. 8 Mio. Jahren.

Innerhalb des quartären Eiszeitalters bildeten sich mehrmals große Eismassen auf den Kontinenten und schmolzen in wärmeren Zeitabschnitten wieder ab. Dadurch sank der globale Meeresspiegel zeitweilig um mehr als 100 Meter, die südliche Nordsee trocknete aus und England war mit dem europäischen Festland verbunden. Die durchschnittlichen Temperaturen lagen bis zu 15 °C unter den heutigen Werten. Die letzte kalte Phase, die sog. Würm- oder Weichsel-Eiszeit, endete erst vor rund 10.000 Jahren.

Veränderungen der Lebewelt

Die klimatischen Schwankungen sind am Wandern der Pflanzen- und Tierwelt abzulesen. In den Pollenspektren unserer Region ist dieses durch Wald (in den Warmzeiten) bzw. eine offene, tundren- oder steppenartige Vegetation (in den Kaltzeiten) belegt. Die Tierwelt folgte diesen Veränderungen. Nagetiere wie Lemming, Murmeltier oder Wühlmaus lebten in den eiszeitlichen Steppen und Tundren. Dazu kommen Großsäuger wie Mammut, Wollnashorn oder Moschusochse. Überreste dieser Tiere wurden in der ehemaligen Lehmgrube „Biedensteg“ oberhalb des Wildetales östlich von Bad Wildungen gefunden und sind heute im Bad Wildunger Stadtmuseum ausgestellt.

Auch die Menschen mussten sich anpassen. Die Klimaverschlechterungen zwangen sie dazu, sich mehr und mehr zu organisieren und immer komplexere Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Ergebnis waren angepasste Werkzeuge oder bessere Jagdmethoden – Pfeil und Bogen wurden z.B. erst in der letzten Eiszeit erfunden. Bei Edertal-Buhlen konnten zahlreiche Tierknochen und Steinwerkzeuge wie Keilmesser, Faustkeile oder Steinschaber aus dieser Epoche der Menschheitsgeschichte gefunden werden, die im Stadtmuseum Bad Wildungen ausgestellt sind.

Funde aus BuhlenAbb. 2:
Die „Jagdstation Buhlen“ zählt durch zahlreiche Nachweise von  bearbeiteten Artefakten zu den ergiebigsten eiszeitlichen Fundstellen Mitteleuropas.

Foto: Norbert Panek



Besondere Landschaftsformung


Das Gebiet des Geoparks lag immer im Vorland der Gletscher (Periglazialgebiet) und war niemals selbst eisbedeckt. Trotzdem erfuhr die Landschaft eine besondere Formung. Ein typisches Relikt sind die Blockmeere an den Steilhängen des oberen Edertales und im Edersee-Trog. Heute sind es warme und trockene Standorte mit einer besonderen Vegetation aus Linden-Blockwäldern oder wärmeliebenden Eichenwäldern. Ihre Entstehung verdanken sie jedoch den tiefen Temperaturen des Eiszeitalters. Eine wichtige Rolle hat dabei die Frostsprengung gespielt: In Risse und Klüfte des anstehenden Gesteins drang Wasser ein, das sich beim Gefrieren ausdehnte und das Gestein zu kleineren, kantigen Blöcken (= Frostschutt) zerlegte. Das feinere Material zwischen diesen Blöcken wurde anschließend ausgewaschen, so dass die Gesteinsblöcke heute frei an der Geländeoberfläche liegen.

Blockhalde Hagenstein Abb. 3:
Eiszeitliche Blockhalde am NSG Hagenstein im Edertal.

Foto: Achim Frede


Die Volumenzunahme des Wassers beim Gefrieren ist nicht nur für die Entstehung von Frostschutt verantwortlich. Auch die Ausbildung von torfgefüllten Hohlformen in den Buntsandsteinlandschaften Nordwaldecks ist darauf zurückzuführen. An der Grenze zwischen durchlässigeren und undurchlässigeren Gesteinsschichten sammelte sich vermehrt Wasser. Beim Gefrieren dehnte sich das entstehende Eis mitsamt des Bodens nach oben aus (= Frosthub) und bildete kleine Hügel. Da diese Hügel stärker abgetragen wurden als ihre Umgebung, entstanden nach dem Abtauen des Eises im Untergrund kleine Hohlformen.

Der an den Hängen gebildete Frostschutt gelangte natürlich auch in die Flüsse. Hier wurden die kantigen Steine beim flussabwärtigen Transport allmählich zu Schottern rundgeschliffen. Diese Schotter dienten den Flüssen gleichzeitig als „Erosionswaffen“ zur Erniedrigung ihres Talbodens. Eindrucksvolle Relikte dieser Vorgänge sind weite Schotterterrassen im Edertal, die in den kältesten und trockensten Perioden der Eiszeiten abgelagert wurden, als nicht mehr genügend Wasser zum Abtransport der Schotter zur Verfügung stand.

Die eiszeitliche Verwitterung schuf neben größeren Steinblöcken auch feineres Material. Besonders der Löss, ein windtransportiertes Staubsediment, ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Er wurde während der kältesten und trockensten Phasen der Eiszeiten aus anderen Sedimenten – vor allem aus der Frostschuttzone der Mittelgebirge oder aus den beschriebenen Flussterrassen –  ausgeweht, da diese wegen der fehlenden oder nur spärlichen Vegetation der Winderosion ungeschützt ausgesetzt waren. In windarmen Reliefpositionen, z.B. in Tälern und Becken der Mittelgebirgszone, wurde das Staubmaterial bei nachlassender Windgeschwindigkeit wieder abgelagert. Aufgrund seiner Mineralzusammensetzung und Korngröße beschert der Löss auf diese Weise großen Flächen im unteren Edertal besonders fruchtbare Böden.

Schließlich sind auch Trockentäler eine typische Erscheinung des eiszeitlichen Periglazialklimas, besonders in Gebieten mit Kalkgesteinen im Untergrund. Im Geopark ist dies z.B. auf der Korbacher Hochfläche (Zechsteinkalk) oder bei Diemelstadt und Volkmarsen im nördlichen Waldeck (Muschelkalk) der Fall. Diese Gesteine werden von vielen Rissen und Spalten durchzogen, in denen das Wasser rasch versickern kann. Die im Sickerwasser enthaltene Kohlensäure löst dabei das feste Gestein allmählich auf, was die Risse erweitert und das Gestein sehr durchlässig macht. In einer Eiszeit waren die unterirdischen Abflussbahnen jedoch selbst im Sommer durch Eis plombiert (Dauerfrostboden). Niederschlags- und Schmelzwässer konnten nicht versickern und flossen an der Oberfläche ab – durch ihre Abtragungskraft entstanden Täler. Erst am Ende der Eiszeit, als das Eis im Untergrund abtaute, konnte das Wasser wieder versickern und die Täler fielen trocken. Der neue Themenweg „GeoPfad Korbach“ führt unter anderem zu solchen Trockentälern und weiteren eiszeitlichen Landschaftselementen.

Trockenrasen am Schanzenberg Abb. 4:
Das Trockental südlich des Schanzenbergs am Stadtrand von Korbach.

Foto: Marc Müllenhoff


Ausblick


Unsere Landschaft ist keine starre Konstruktion, sondern einem ständigen Werden und Vergehen unterworfen, auch wenn wir das innerhalb eines einzigen Menschenlebens kaum wahrnehmen können. Das Beispiel des Lösses macht deutlich, dass nicht nur das heutige Relief, sondern auch die agrarische Inwertsetzung der Landschaft durch den Menschen bis zum heutigen Tag zu großen Teilen durch die Veränderungen und die landschaftsgestaltenden Prozesse der Eiszeiten bestimmt wird. Wie diese haben jedoch auch andere Erdzeitalter ihre Spuren im Geopark hinterlassen. In den bisherigen Folgen der Erdgeschichte(n) haben wir darüber berichtet. Nun ist es an Ihnen, diese Spuren im Geopark Waldeck-Frankenberg zu entdecken. Und eines ist sicher: Auch in Zukunft wird unsere Landschaft sich verändern, doch aus jeder Epoche werden Zeugnisse für die nachfolgende Zeit überliefert sein. Das letzte Kapitel im Buch der Erdgeschichte ist noch lange nicht geschrieben!


Geo-Tipps


  • Stadtmuseum Bad Wildungen
    Lindenstraße 9, Tel. 05621-73666
    Öffnungszeiten: Di-So 14.00 - 17.00 Uhr, Gruppenführungen nach Absprache
    Entwicklung des frühen Menschen der Region, Vorgeschichte des Wildunger Raumes, Eiszeit- und Steinzeit-Funde vom Biedensteg
  • GeoPfad Korbach
    Themenpfad zwischen der Fossilfundstätte „Korbacher Spalte“ und dem Goldbergwerk auf dem Eisenberg mit Erklärungen zu vielen eiszeitlichen Reliefformen
    Begleitbroschüre beim Bürgerbüro der Stadt Korbach (Tel. 05631-53232), Führungen unter www.geo-present.de oder Tel. 05631-503081
  • GeoStation „Jagdstation Buhlen
    am nördlichen Ortseingang von Edertal-Buhlen, Infotafel zu den eiszeitlichen Funden
  • Urwaldsteig Edersee
    Die 68 km lange Wanderroute führt unter anderem vorbei an den Eder-Steilhängen und ihren Blockhalden
    www.urwaldsteig-edersee.de