Geopark Waldeck-Frankenberg

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ErdGeschichte(n)

Folge 8:

Weißer Kalk und „Rotes Land“
- unterwegs in Nordwaldeck

Von Norbert Panek

Weiß und rot sind die dominanten Steinfarben zwischen Diemel und Watter in Nordwaldeck. Wüsten und Flachmeere prägten in grauer Vorzeit diesen Landstrich, der heute vor allem von  einer mehr oder minder flachhügeligen Schichtstufenlandschaft bestimmt wird, in der hauptsächlich Sand- und Kalkgesteine verbreitet sind.

Die meist rötlichen Gesteine des „Buntsandsteins“ wurden vor rund 240 Millionen Jahren in einer großen Festlandssenke als Abtragungsmaterial der umliegenden Gebirge abgelagert und bezeugen eine heiße Wüstenphase mit Dünen und trocken fallenden Flussläufen. Gegen Ende der „Buntsandstein“-Zeit geriet Nordwaldeck in den Einflussbereich eines flachen Randmeeres, das schließlich ganz Mitteleuropa überdeckte. Aus den aus dieser Zeit stammenden Meeresablagerungen bildeten sich die weißen bis hellgrauen Kalk-, Mergel- und Dolomitgesteine des „Muschelkalks“. Abermals zog sich das Meer danach zurück, um im „Unteren Jura“ (ca. 200 Millionen Jahre vor heute) noch einmal wiederzukehren. Nordwaldeck war damals Teil der „Hessischen Straße“ – ein Meeresarm, der eine Verbindung zu dem süddeutschen Jura-Meer schuf.   
In der Erdneuzeit (Tertiär) führten kräftige Bewegungen der Erdkruste dazu, dass die bis dato abgelagerten Gesteinsschichten im nordwaldeckischen Raum in Gräben abgesenkt und dadurch zunächst vor einer Abtragung geschützt wurden. Entlang der Störungszonen dieser Grabenabsenkungen steigt noch heute Kohlensäure auf, die die Heil- und Mineralwässer des „Sauerbrunnens“ bei Volkmarsen anreichert. In Bad Arolsen sprudelt der 1970 erbohrte „Schlossbrunnen“, eine fluoridhaltige Heilquelle.

QuastBlick von Quast auf die Rhoder Gemarkung in der Geopark-Region "Nordwaldeck"

Foto: N. Panek


Wagenradgroße Ammoniten


Fortschreitende Verwitterung und Abtragung haben über Jahrmillionen hinweg die in der Grabenzone versunkenen Gesteinsschichten des „Unteren Jura“ am Ralekesberg bei Volkmarsen kleinflächig wieder freigelegt. Diese Schichten treten innerhalb des gesamten „Geoparks GrenzWelten“ nur dort zu Tage und stellen daher eine regionale Besonderheit dar. In diesen Gesteinsschichten wurden wagenradgroße Tintenfisch-Gehäuse, die so genannten Ammoniten gefunden. Noch heute kann man die Spuren des einstigen Jura-Meeres an der GeoStation am Ralekesberg entdecken. Wer fleißig klopft, findet hier die Schalen einer austern-ähnlichen Muschel namens Gryphaea.

Die vorherrschende Gesteinsformation in Nordwaldeck ist und bleibt der „Buntsandstein“, der bei Külte, Volkmarsen und Wrexen sogar als Werkstein oder Zuschlagstoff gewerblich genutzt wird. An einigen Stellen haben sich aus dem Sandstein durch Erosion imposante Felsgebilde entwickelt, so zum Beispiel bei Bad Arolsen („Markstein“) und an der „Flühburg“ in Rhoden. Die „Hollenkammer“ am Tenten-Berg nördlich von Lütersheim besteht sogar aus mehreren, verstreuten Felskomplexen, in deren Höhlungen der Sage nach einst die „Hollen“, kleine Glück bringende Wichtelmännchen, wohnten.

Die Tränen des Riesen vom „Hüneberg“


Im Bereich zwischen Diemelstadt und Volkmarsen tritt in einem langgestreckten Band der „Muschelkalk“ zu Tage. Die aus dem Meer stammenden Ablagerungen bergen zahlreiche fossile Muscheln, Schnecken, Kopffüßer („Ceratiten“) und Seelilien, die mit den Seeigeln und Seesternen verwandt sind. Versteinerte Grabgänge und Fressbauten zeugen von einer intensiven Besiedlung des Meeresbodens. Der verwitterungsbeständige „Trochitenkalk“ bildet bei Volkmarsen einige markante Felsen und Bergkuppen, so beispielsweise am „Scharfen Stein“ unterhalb der Kugelsburg (GeoStation) und am „Hüneberg“. Hauptbestandteil des „Trochitenkalks“ sind die kleinen, scheibenförmigen Stielglieder der Seelilien. Am „Hüneberg“ sind sie nach einer alten Sage aus den Tränen eines Riesen entstanden, der dort in einer Burg gelebt haben soll. Als sein Bruder eines Tages starb, weinte er bitterlich. Gott bemerkte den Kummer und beschloss, dass sich alle Volkmarser an das Leid des Riesen erinnern sollten und ließ deshalb dessen Tränen zu Stein werden.

KopffüßerFossiler Überrest eines Kopffüßers aus dem Muschelkalk.

Foto: N. Panek

Seltenes Mineral sorgt für Aufsehen


Im Südwesten der Region stehen ebenfalls Kalkgesteine an. Diese sind aber viel älter als der „Muschelkalk“ und stammen aus der Zechsteinzeit. Bei Mühlhausen wurden sie abgebaut und in einem heute noch gut erhaltenen Kalkofen gebrannt. Zwischen Gembeck und Wirmighausen befindet sich das deutschlandweit einzige abbauwürdige Vorkommen des seltenen Minerals Coelestin (chemisch: Strontiumsulfat), das als Rohstoff  für die Zuckergewinnung und zur Färbung von Leuchtspurmunition verwendet wurde. Der Abbau begann bereits 1895 und erlangte vorübergehend Weltbedeutung. Das gewonnene Erz transportierte man mit einer Lorenbahn zu den Aufbereitungsanlagen im Tal des „Alandsbornbaches“, wo heute noch die ehemaligen Klärteiche zu sehen sind. Nach einer längeren Pause wurde der Abbau 1943 fortgesetzt, kam aber gegen Kriegsende dann zum endgültigen Erliegen. Teile des ehemaligen Abbaugeländes befinden sich heute in dem 20 Hektar großen Naturschutzgebiet „Auf dem Buchenlied“.

Ebenfalls Zeugnis der jüngeren Kulturgeschichte sind die zahlreichen Spuren des ehemaligen Hütten- und Hammergewerbes an den Bachläufen der Orpe und Twiste. In der Eilhäuser Hütte im Orpetal wurde noch bis 1835 Eisenerz geschmolzen, das man von Adorf über den „Eisensteinweg“ dorthin brachte. Beleg für die frühindustriellen Aktivitäten, die ohne den Einsatz der Wasserkraft nicht denkbar gewesen wären, sind die Stauanlagen und künstlich angelegten Gräben. Bei Wrexen wurde zum Beispiel der Orpelauf um drei Kilometer verlängert und seine Einmündung in die Diemel um 2,5 Kilometer nach Osten verlegt. An diesem künstlichen Gewässerabschnitt reihten sich einst Biggenhammer, Orper Zeinhammer, Missgunsthammer, Kupfermühle, Wrexer Drahthammer und Papiermühle. Längst sind die Pochwerke im Orpetal verstummt. Der Zahn der Zeit hat manche Spuren verwischt. Im „Geopark GrenzWelten“ kann man sie jedoch neu entdecken.     


Geo-Tipps

  • Naturkundemuseum im Ottoneum, Steinweg 2, 34117 Kassel/ Dauerausstellung zur Erdgeschichte Nordhessens; Öffnungszeiten: Di, Do bis So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr.
  • Besuchenswert: Die GeoStationen am Trinkpavillon „Sauerbrunnen“, an der Kugelsburg (Besucherparkplatz) und am „Ralekesberg“ bei Volkmarsen, an der Kirchenruine in Alt-Rhoden und am Windpark "Rotes Land" bei Diemelstadt-Neudorf, sowie die  Infotafel „Wasserkandel“ nahe der Straßenbrücke am Gut Eilhausen.
  • „Wasserkunst“ bei Landau: Historisches Pumpwerk am Ortsausgang Richtung Volkhardinghausen; Öffnungszeiten: Jeden Sonntag von Mai bis Oktober/ 10 – 12 Uhr, Führungen nach Vereinbarung (Tel. 05691-4961).
  • Naturschutzgebiet „Scheid“ bei Volkmarsen: Größter zusammenhängender Kalkmagerrasen-Komplex Nordwaldecks (durch Rundwanderwege erschlossen).